Nachbar Krippelmacher
Weihnachtsprosa - Ada Christen - Weihnachten Erzählung
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Es steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer
Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten ...
Nachbar Krippelmacher
Weihnachten Erzählung
Es steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer
Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der grosse eingezäunte
Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern
schliesst den wüsten Platz ab.
Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu, und
fremd gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wieviel Lust
und Leid auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wieviel
Lachen und Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus
da oben stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten
Strassen und Gassen, keine kühlen, vornehmen Leute in dem stillen
Winkel; unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig
aneinander, halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander.
Es war ein fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für
uns Kinder, wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten.
Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke Nachbar Krippelmacher
und Türe an Türe sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher
war es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender
Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die
Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie
ihre Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der
Vorstadt zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller
wurde ihre Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten
vierzehn Tagen vor dem Christfeste hantierte schon alles, was im
ganzen Hause und in der Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger
hatte. Es war aber auch für uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das,
was wir da machten, war ja halb Spiel für uns und halb Erwerb.
Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben, wie so ein Kripplein
entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine grosse Rolle
spielt, die Schaufenster aller Spielwarenhandlungen schmückt und das
Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich,
wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es
machten?
Auf ein schuhlanges, flaches Brettchen, das zur Hälfte grün bemalt
ist, werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen
zwei sind handhoch, die hinteren doppelt so lang. Sind die Gestelle also
hergerichtet, dann kommen grosse Kübel voll Leimwasser, in dieses
werden breite Bogen von dickem, grauem Papier getaucht, wieder
herausgezogen und dann zu unförmigen Knäueln zusammengedrückt;
alle die grossen und kleinen Hände formen aus diesem feuchten
zerknüllten Papier über die vier Stäbchen gespannte Felsen, welche
sich kühn nach hinten aufbauen und ganz unten in der Mitte eine
kleine Höhle bilden. Das lässt sich nicht gut so hübsch erzählen, wie
es flinke Finger zurechtmachen, wenn jedoch über diese grauen,
leimfeuchten Felsen zerstossener Glimmer gesiebt wird und blaugrauer
Streusand, dann bedarf es keiner grossen Einbildungskraft, sich
glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine steife Bäumlein aus grobem
Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes Moos, Strohblumenknösplein
werden dann auf die Felsen geklebt, in der Höhle wird ein winziges
Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen zierliche Strohhalme,
und darauf wird das splitternackte Christkindlein gebettet. Ochs und
Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug halten, diese
kleinen Tontierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes gestellt, im
Vordergrunde aber werden Maria und Joseph festgeleimt, die beiden
samt dem Jesuskinde haben grosse Heiligenscheine aus Rauschgold, und
da die ganze Rauschgoldarbeit in einem Handgriffe gehen muss, wird
auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an ein
Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt.
Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit
dem Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den
Hirten mit seinen Schafen aufmarschieren. Zuallerletzt werden auf
einem Felsen die Heiligen Drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt,
und wären die drei Unglücklichen lebendig, so müssten sie eines elenden
Todes sterben, denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte,
von welcher sie immerfort zu dem Stern emporschauen.
Es war also wieder einmal Weihnacht, und flimmernd standen auf
treppenförmigen Brettern die Krippen rundherum in der Stube und
hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von
der Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füsse schwer waren,
weil er tagsüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die
helle warme Stube, sass müde da und hörte dem Geplapper der kleinen
Arbeiter zu, denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den
Tonfiguren wurden allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt,
ja sogar Ochs und Esel unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten
oft herdenweise, und das Kindlein in der Krippe musste vor Kälte so
unmenschlich laut schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen
Ohren und Händen sich zurechtlegen konnte, dass er schreien würde,
wenn er splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müsste.
Manchmal wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt, und gebratene
Kartoffeln rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die
zwei kleinen Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern
wie die Lerchen, so dass selbst der Vater mühsam den schweren Husten
anhielt, um seine Kinder zu hören.
Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer
Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; niemand als er wusste,
wie es um ihn stand, denn er sass hustend vom grauen Morgen bis in den
sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine
Kinder ihr karges Brot hatten. Seit sein Weib tot war, hatte ihn niemand
lachen gesehen; was sie getan hatte, das fleissige Weib, musste nun er,
der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen tun, er wusch und kochte
nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein, die
Schultern wurden immer höher, und die entsagenden Augen schauten
immer grösser aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen,
wenn der behäbige Krippenmacher an des Nachbars Tür pochte und
mit seiner lachenden Stimme hineinrief:
»He! Nachbar! Gehen wir nicht ein wenig in die Felder mit unseren
Kindern?«, liess er das Schifflein ruhen, wandte sich auf dem schmalen
Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus seinem sehnsüchtigen
Herzen herauskam:
»Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht heut schon selber dran, ich
will nur erst meine Kinder zusammenrichten.«
Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervor geholt, und mit
frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band
und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links
an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege
durch das wogende Korn. Aber selbst da draussen konnte er schweigend
dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen wie
einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen röteten sich dann leicht,
das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen Fingern in
die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf strömen.
Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Strasse lange
Schatten warfen, wenn alles voll Abendfrieden und Ruhe war da draussen ...
jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute zurück und
sagte fast wehmütig:
»Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab nur den einzigen Wunsch,
einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von
dem grossen Pappelbaum dort schlafen, das müsst wohltun, Nachbar
Krippelmacher!«
Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der
Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus, jahrein, und
während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück
um Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm
schwer wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging
also schon am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füssen
hinüber zu dem Nachbar Krippelmacher.
»Das ist gescheit, Nachbar!« lachte der Alte und schob die Mütze auf
seinem kahlen Kopf schief.
»Bleiben Sie heut bei uns, helfen Sie mit, unsere Arbeit ist leichter
als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen heut übel aus, Nachbar,
wie geht's denn, he?«
Der Weber nickte nur dankend und sass mitten in dem Kindertrubel
schier gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins
seiner kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden
Köpfe, strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen
ihre roten Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen
Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend
in der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr
verschüchtert und schweigend eine Weile mit den flachen Händen
auf seinen Schenkeln hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:
»Nachbar, ich hätt eine Bitt!«
»Heraus damit!« murmelte der andere gutmütig.
»Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer
bin ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten ...
nachher beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken,
möchten Sie das bezahlen für mich?... Ich werd morgen nicht ausgehen
können.«
»Gern will ich das. Aber Weber, ist das gar so wichtig?« lachte der
dicke Mann.
»Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie ...«, er unterbrach
sich und fingerte beteuernd in der Luft herum, »ich hab mein Lebtag
keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere
eigenen Finger gebissen als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt war,
und so sollen's auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr,
Krippelmacher?«
»Freilich, freilich, Weber«, erwiderte dieser und sah von der Seite
mitleidsvoll in das graublasse Gesicht, das im flackernden Lampenscheine
dem Manne arg verändert erschien.
»Und dann, wenn ich einmal nicht ... aufstehen könnt ... liegen müsst,
Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückskaffee
machen lassen, gelt?... Es tät auch dazu ausreichen ... das Geld ...
und nachher ... freilich halt ... nachher ...«
»Was?«
»Meine Kinder haben sonst niemand auf der ganzen Welt als mich,
Krippelmacher ... Sie ... sind der einzige gute Mensch ...«
Das war alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht,
dass der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze
rund auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in
die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an
Schulter ihm fast ins Ohr schrie:
»Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und solang es kleine
Kinder gibt, wird es Weihnachten geben, und solang es Weihnachten
gibt, wird es Kripperln geben, und so lang werd alleweil ich die
schönsten Kripperln machen, die am Markt sind, und damit noch
zwei Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was
Rechtes lernen in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar
Weber, und jetzt legen Sie sich ruhig schlafen.«
»Jetzt geh ich ruhig schlafen ... Nachbar!... Vergelt's Gott!... Ich hab
nicht viel vorwärts können mit der Red mein Lebtag, g'redt hat mein
seliges Weib über alles, ich hab halt nur gearbeitet«
Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine
Kinder rechts und links, nickte allen zu und ging schwerfällig wieder
zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu Bette,
legte ihnen alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte ihnen
immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen
Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe ... Dann ging er langsam
auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte,
und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und
liess das Schifflein versuchend einigemal hin und her fliegen, das
Geräusch störte ja die Seinen nicht; als sie noch ganz klein gewesen,
war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie
schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar
oft in den Schlaf.
Der Mann begann rascher zu arbeiten, die roten Flecke auf seinen
Wangen traten schärfer hervor, und sein Blick folgte unablässig dem
Schifflein ... Mit einmal liess er die Arme sinken, fuhr nachdenklich
prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein
aus, nahm die Schere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des
gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig ... Aber als er die
Schere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an den
braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an das
alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten Häupter
seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie ja
ernährt ... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der
Stube stand, dort nahm er ein reines Leinenzeug und seine besten
Kleider heraus, zog alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung
und blies die Lampe aus ... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines
Bettes zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin,
ein leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufatmen und Schmerzgefühl,
löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu
murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demütige und inbrünstige
Bitte für seine Kinder.
Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles schaute, da wendete
ihm der Mann sein geduldiges Gesicht zu und atmete leiser, als ob ein
tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.
Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten
die kleinen Tonfiguren noch große Reden, und die gebratenen Kartoffeln
sprangen im Backofen herum vor Hitze.
»Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut recht übel vorgekommen,
Weib, meinst nicht?« fragte der Krippelmacher verdüstert, »ich möcht
einmal hinüberschaun, vielleicht braucht er etwas.«
»Ja, ja, schau nach, Alter!« drängte die gutmütige dicke Frau, und
der Mann ging und klopfte sachte an die Türe seines Nachbars.
»Bin munter«, flüsterte es drinnen mühsam.
Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht
den Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen.
»Oho, Weber, ganz sauber angetan, wollen doch nicht fortgehen
heut noch?«
Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es
wisperte beschwörend:
»Nicht die Kinder wecken, Nachbar ... es wird Ernst ... ich wart von
Viertelstund zu Viertelstund auf den Tod ... Nachbar!... Kinder ...
Krippelmacher ... bitt'...«
Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte
ratlos sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern
die feuchtkalte des Webers drückte.
»Aber, Nachbar Weber!«
Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt fiel
das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah er,
wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn,
wie die Augen gross und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem
Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war.
»Krippelmacher?...«
Der flehende verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr
als die Hände, die sich glatt aneinanderlegten und sich mühsam bittend
emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars.
»Alles, alles will ich tun für die Kinder, wenn Sie einmal –«, er unterbrach
sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft neben
dem Bette nieder.
»Immer ... kälter ... finste – rer ... Nachbar ... den Pfar – rer ...
Kinder!!...«
»Nachbar!...« Der Krippelmacher rannte zu der Türe und rief mit
erstickter Stimme:
»Kinder, schnell ins Pfarrhaus, die Letzte Ölung ist notwendig;
Weib, komm herüber. Lichter! Geschwind!«
Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder
liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in
der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen
und grossen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und
zwischen der Türe, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte
aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und
hielten seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen
Kinder, die nicht wußten, welch ein tapferes, liebevolles Herz schwächer
und schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen
hingen an den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen
oft gesagt hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum ersten Male fast
drohend, befehlend:
»Brav sein!... fleißig arbeiten!...« Und mit einmal rannen große Tropfen
aus den weitgeöffneten Augen, und er flüsterte, dankbar zu ihm
aufblickend und bittend:
»Dem ... Krip – pel – macher ... fol – gen.«
Da klingelte es draussen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise
kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, immer näher
und näher ... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem Ruck vom
Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so kamen
sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die Türe,
wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug.
Jetzt klingelte es schon laut vor dem Haustore, kam klingelnd über
den Flur, und der Knabe, der das Glöckchen schwang, trat klingelnd
in das Sterbezimmer ... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten,
und wo er vorüberschritt, fielen die Arbeiter erschüttert auf die Knie
und lagen da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich
empor und sass harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem
Priester zugewendet, und seine Hände hatte er mühselig gefaltet ...
Plötzlich flog ein Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne
wurden grau.
»Herr ... Pfar – rer, schnell ...«
»Mein Sohn! Wenn du deine Seele ...«
Der Priester fasste den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte
auf das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich
ergebungsvoll, und die dürren Lippen lispelten demütig im Beichttone:
»Mein ... Leb – tag ... ge – ar – beit ... und ...«
Kein Laut mehr.
Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher
blieb neben dem toten Weber sitzen die ganze lange Nacht.
Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien
ja hell und klar in die öde Stube, und als der Totenwächter im
Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm,
als schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich
der Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt
des Toten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt.
Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des
Webers in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann,
um sich Mut zu machen, recht laut:
»Nein, nein, du bist und bleibst tot, du armer Kerl. Gott gib deiner
Seele die ewige Ruh! Aber«, er nickte dem stillen Nachbar versichernd
zu, »der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für
die zwei.«
Und der Nachbar Krippelmacher hat ehrlich Wort gehalten.
(Ada Christen 1839-1901, österreichische Schriftstellerin)
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